Diagnostische Kriterien
Diagnosekriterien in Einteilung nach Moskowitz
Nach dem DSM-IV (2001) müssen mindestens fünf von insgesamt neun diagnostischen Kriterien erfüllt sein, um von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (301.83 = ICD-10: F60.31) sprechen zu können. Die Kriterien wurden hier in 4 Gruppen zusammengefasst: Verhalten, Gefühle, Identität und Wahrnehmung. Welchen Gruppen die Kriterien angehören ist für die Diagnosestellung unwesentlich.
Verhalten
Zu dieser Gruppe werden die Kriterien 4 und 5 gerechnet.
Kriterium 4:
Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Bereichen (Geldausgeben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Fressanfälle“. Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind).
„Ich habe 150.000 DM Schulden, habe eine Unterschlagung begangen, meine Arbeitsstelle verloren, Geld geliehen und nicht zurückgezahlt, auf laufende Leistungen beim Arbeitsamt mit abenteuerlichen Geschichten Vorschuss abkassiert...Aber auf all das bin ich nicht stolz! Nach jedem Neuanfang habe ich wieder und wieder mit Spielen angefangen, obwohl mir die Folgen durchaus bewusst waren.
Ich habe mit exzessivem Sport und mit Selbstverletzungen meinen Körper soweit demoliert, dass ich heute auf den Rollstuhl angewiesen bin. Aber ich würde es genauso wieder machen, nur um mich und meinen Körper mal zu spüren, um zu wissen: Ich bin da.“ (Erika, S. 33)
Kriterium 5:
Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder – drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.„Kleinere Verletzungen hatte ich mir schon als Kind zugefügt, meist einfach nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen, oder um mich selbst abzulenken. Dann hatte ich so die Nase voll von meinem Leben, dass ich mir die Pulsadern aufschneiden wollte. Ich nahm eine Rasierklinge, und versetzte mir zum ersten mal einen sehr tiefen Schnitt. Der Anblick der Wunde erschreckte mich, doch das Gefühl, diese Euphorie, die mich sofort durchströmte, war überwältigend! Von diesem Tag an, wurde das Schneiden zur Sucht.“
Gefühle
Unter diese Gruppe fallen die Kriterien 2, 6 und 8.
Kriterium 2:
Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist. „Beziehungen jeglicher Art waren bei mir fast immer von kurzer Dauer, vor allem die intensiven. Sobald ich Vertrauen zu einer Person gefasst hatte, hatte ich mich sehr schnell und sehr weit „reingehängt“. Ich öffnete mich und dementsprechend erwartete ich eine Gegenreaktion. Ich ließ diese Person teilhaben an meinem Gefühlsleben, aber es dauerte nicht lange und es war keine Steigerung mehr möglich. Zu dem Zeitpunkt stellte meine Vertrauensperson die Grenzen auf und ich ließ die Beziehung dann ganz schnell zerplatzen.“ (Leslie, S. 29)
Kriterium 6:Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung (z.B. hochgradige episodische Dysphorie, Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern).
„Es gibt Tage, da erwache ich morgens und das Leben lastet wie Blei auf mir. Mir erscheint alles aussichtslos, ausweglos, und was ich auch beginnen mag, es ist zum Scheitern verurteilt. Bekomme ich jedoch an diesem Tag ein Lob, also Zustimmung und Ansporn von außen, fühle ich mich, als könnte ich die Welt aus den Angeln heben, überwinde lächelnd Schwierigkeiten. Genauso kann mich eine Kritik, und da genügt manchmal ein Wort oder auch nur ein Blick, in tiefste Tiefen stürzen, sodass ich mich vollkommen zurückziehe, das Telefonkabel abziehe, Kontakte abbreche, nicht mehr spreche, nicht mehr zu erreichen bin.“ (Angelika, S. 38)
Kriterium 8:Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).
Auf dem Weg von der Therapiestunde nach Hause ist meine Stimmung gekippt: Plötzlich höre ich die Worte des Therapeuten, die mich rasend vor Wut machen. Unter Menschen gehen und still sein schaffe ich jetzt nicht. Auf dem Fahrradweg brülle ich einen Fußgänger an: „Du Drecksau, hau ab!“ Zu Hause angekommen lasse ich mein Fahrrad fallen und gebe ihm einen Tritt. In der Wohnung, trete ich auf den Hasenkäfig ein. Das Kaninchen flitzt verzweifelt hin und her. Stopp, denke ich. Dann mache ich mich an die Zimmerpflanzen: packe die Grünlilien, zerre sie aus den Töpfen, zerquetsche die Blätter, zerreiße Wurzeln. Zerbrochene Tontöpfe liegen nach einigen Minuten überall im Wohnzimmer herum.“ (Andrea, S.41)
Identität
Zu dieser Gruppe werden die Kriterien 1, 3 und 7 gerechnet.
Kriterium 1:
Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. (Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind.)
„Isoliert und allein unter vielen hielt ich mich dann nachts zunehmend auf dem Flughafen auf, wo noch genug reges Treiben herrschte, um mich zu halten. Ich klammerte mich an die Geräusche in der Wartehalle und fixierte die Lichter auf dem Rollfeld, um mein Gesicht nur nicht in mich kehren zu müssen.“ (Katrin, S. 25)
Kriterium 3:Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
„Schon in meiner Jugend wusste ich nicht, was meine Wünsche bezüglich meiner beruflichen Laufbahn oder persönlicher Vorlieben waren. Ich fühlte mich nicht verbunden mit meinem Körper; es war so, als ob ich ständig neben mir stehen würde. Ständig hatte ich das Gefühl, im Raum zu schweben, ohne festen Halt unter den Füßen.
Langfristige Ziele habe ich nicht, vor allem bin ich nicht in der Lage etwas langfristig durchzuhalten, weil sich meine Ansichten ständig ändern. Ich flattere wie ein Schmetterling von einem zum anderen. Erst bin ich Feuer und Flamme für alles, aber das schlägt nach sehr kurzer Zeit ins Gegenteil um und ich suche wieder etwas Neues, wobei ist dann fest davon überzeugt bin, dass dies jetzt das Richtige ist, bis es schon bald darauf nicht mehr interessant erscheint. Es ist eigentlich ein Leben auf einer ewigen Achterbahn, auf der der Zug niemals anhält.“ (Momo, S.31)
Kriterium 7:Chronische Gefühle von Leere und Langeweile.
„Mein Leben wird überschattet von einem elendigen Kreislauf aus Depressionen, Wut und Leere. Ich habe versucht, die Leere mit fernsehen zu füllen. Das Fernsehen langweilt mich. Alles langweilt mich. Ich musste die Leere doch irgendwie füllen...! Und die Langeweile verbannen. Habe alles versucht. Nichts hat etwas gebracht. Habe mich also wieder geschnitten. Blut füllt Leere schnell...“ (Jesse, S.40)
Wahrnehmung
Unter diese Gruppe fällt das Kriterium 9.
Kriterium 9:Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
„In belastenden Situationen oder wenn unerträgliche Gefühle anfangen mich zu überfluten, verschwinde ich innerlich. Ich bin dann nur noch Beobachter und sehe, wie ich scheinbar gelassen, sachlich und nüchtern in Stresssituationen reagieren kann. Hinterher kann ich mich oft nicht mehr an das Gewesene erinnern, als ob es nichts mit mir zu tun hat…“