Trialog
Trialog- warum?
Die Borderline-Störung rückt als Diagnose stärker in das Licht der Öffentlichkeit und ist mit reichlich Vorurteilen und Ratlosigkeit belastet. Bei allen Beteiligten sind dennoch enorme Kompetenzen und Ressourcen vorhanden, die es gemeinsam zu nutzen gilt. In Form des Trialogs wollen die VeranstalterInnen Bemühungen in Gang setzen, das „Borderline-Syndrom“ besser zu verstehen, gemeinsam Lösungswege zu finden und damit gleichzeitig auch gesellschaftlicher Stigmatisierung entgegenzuwirken
Die Chance geteilten Wissens
"Eines der großen Probleme, die ich mit Borderline hatte, war das Versteckspiel innerhalb der eigenen Familie; ein hilfloser Versuch, meine Familie zu schonen und zu schützen vor den Folgen und dem sozialen Schaden, den eine psychiatrische Diagnose für eine Familie bedeuten kann. Was die Borderline-Diagnose im Erleben meiner Familienmitglieder anrichtete, konnte ich zu dieser Zeit nur erahnen: mein Bruder, damals junger Erwachsener und inmitten seiner ersten bedeutenden Paarbeziehung, war für mich wichtigste Bezugsperson. So hatte er diese zusätzliche Bürde mit zu tragen, selbst zwischen Abhängigkeit und Autonomie sah er sich direkt konfrontiert mit meinen blutigen Hilferufen. Und meine Eltern, vor wenigen Jahren mit uns aufs Land gezogen, hatten es ohnehin schwer, in die Dorfgemeinschaft integriert zu werden und mühten sich um Anerkennung. Eine Tochter wie ich, die immer öfter und länger in psychiatrischen Kliniken verschwand, bedeutete in dieser Situation das soziale Aus.
Borderline-Betroffene sind Expertinnen in eigener Sache, Angehörige haben eine wichtige Funktion bei der Alltagsbewältigung und professionell Tätige verfügen über therapeutisches Know-how. Diese Kompetenzen gilt es durch den Trialog gemeinsam zu nutzen.
Idee des Trialog
Der Trialog-Gedanke ist zu Hause in der Psychose-Bewegung und fußt auf einer Idee von Dorothea Buck und Thomas Bock, die 1989 versuchten alle drei an der Erkrankung beteiligten Gruppen an einen Tisch zu bringen und im Gespräch zu einem besseren gegenseitigen Verständnis zu gelangen. Psychose-Seminare - synonym für Trialog - sind heute in der Psychiatrie-Landschaft weitgehend etabliert. Das Gespräch von Betroffenen, Angehörigen und professionellen Helfern auf gleicher Augenhöhe und neutralem Boden hat sich bewährt als Mittel zu einem besseren Verständnis aller Beteiligten. Dieser Austausch hat vieles bewirkt und ist nicht mehr weg zu denken.
Einige Grundregeln berücksichtigt, können beim Trialog professionelles Know-how und Erfahrungswissen sinnvoll miteinander verknüpft werden. Ohne alle Punkte einzeln zu benennen – da diese ohnehin im Übertrag auf Borderline noch im Entwicklungs- und Veränderungsprozess sind – sei auf folgende Kernelemente hingewiesen:
Bewertung und Verurteilungen werden gemieden,
die Rollen sind gleichberechtigt,
der Austausch geschieht auf gleicher Augenhöhe,
die Wahrheit ist subjektiv.
Das gemeinsame Gespräch bietet einen im Alltag sonst schwer wahr zu nehmenden wechselseitigen Lernprozess an, der von allen Beteiligten gleichermaßen beeinflusst wird und genutzt werden kann. Eine (Neben)Wirkung des Trialogs stellt für die Betroffenen die Option zu mehr Verantwortungsübernahme dar und hat eine aktive Selbstbestimmung zur Konsequenz. Durch die offene Gesprächsform, den Verzicht auf Diskriminierung und die gleichberechtigte Verteilung der Rollen als Gesprächspartner öffnet sich der Trialog einer Kritik am sozialpsychiatrischen Versorgungssystem, die im Sinne einer Qualitätssicherung konstruktiv genutzt werden kann und Anreize bietet, den Psychiatriealltag, und die -planung neu und effektiver zu gestalten. Über ursächliche Zusammenhänge kann an dieser Stelle zwar nur spekuliert werden, in Ansbach wurde jedoch nach dem 1. bundesweiten Trialog eine lang gefragte Skills-Gruppe durchgeführt.
Im Nachwort des Buches „Leben auf der Grenze“ schreibt Andreas Knuf das erste Mal von der Trialog-Idee für Menschen mit Borderline, ihre Angehörigen und Fachleute: „Heute erscheinen „Borderline-Seminare“, wie auch immer sie dann gestaltet sind, vielleicht unrealistisch – ich glaube jedoch, es wird sie bald geben. Worauf warten wir noch?“
Umsetzung einer Idee
Das fragten auch wir uns und machten uns auf die Suche nach Unterstützern, die das „Projekt Trialog“ mittragen würden. Im Herbst 2003 wandten wir uns an den Psychiatrie-Koordinator der Stadt Nürnberg. Dieser, wie er in einem späteren Interview einräumte, folgte spontan seiner Intuition und ließ somit gängige Vorbehalte bewusst außen vor. Viel Überzeugungsarbeit war nicht notwendig, und der Umsetzung des Trialogs stand nichts mehr im Wege. Bis zur letzten Minute vor der Veranstaltung herrschte beim Vorbereitungsteam ein Erstaunen darüber wie glatt die Vorbereitungsphase lief und auf welch enormes Interesse die Veranstaltung stieß.
Erst im Nachhinein wurden wir mit Fragen konfrontiert, wie: „Hattet Ihr keine Angst, dass die Betroffenen Schwierigkeiten machen?“, oder „Glaubt Ihr, die Fachleute sind überhaupt bereit, ihre professionelle Maske abzulegen?“ und „Angehörige kommen doch gar nicht, die haben Angst, sich zu outen“. Nachdem sich keine der Bedenken in der Praxis zeigten, deuteten wir dies als ersten Hinweis auf eine fruchtbare Veranstaltung. Prof. Bohus sagte sehr spontan trotz knapper Zeitkapazitäten für die Gruppe der professionell Tätigen zu, nachdem wir kurz die Idee des Trialogs darlegten; das Bezirksklinikum in Ansbach bot uns jede nur erdenkliche organisatorische Unterstützung; die Anmeldungen zum Trialog kamen bis zum letzten Tag noch per Fax und Mail – erfreulicherweise waren hier alle drei Gruppen repräsentiert.
Bisherige Erfahrungen - Beispiel Ansbach
Die Auftaktveranstaltung war ein voller Erfolg, auch wenn am Spätnachmittag eine informationsgesättigte und erschöpfte Stimmung aufkam. Gebannte Aufmerksamkeit bis zum Schluss und vielschichtige Fragen aus dem 300-Personen-starken Publikum zeigten auf, dass die Zeit überreif war, den gemeinsamen Austausch endlich umzusetzen. In diesem Rahmen sind dem persönlichen Austausch natürlich Grenzen gesetzt. Nach dem „großen“ Trialog kam es somit zur Bildung von Regional-Trialog-Gruppen.
Mit Unterstützung einer sozialpsychiatrischen Tagesstätte in Ansbach konnten wir zunächst ein erstes Koordinierungstreffen für künftige Regionaltreffen anbieten, zu dem etwa 30 Personen kamen. Bei den Teilnehmenden waren wiederum Angehörige, Betroffene und professionell Tätige vertreten: alle drei angesprochenen Gruppen zeigten sich also gleichermaßen interessiert am Austausch.
Erstaunlich schnell gelang ein inhaltliches Eintauchen in eine Diskussion, sodass organisatorische Planungen knapp abgehandelt werden mussten. Gemeinsam wurde vereinbart, die Gruppe zu teilen, um räumliche Distanzen für Interessierte die von weiter her kamen überwindbar zu machen, aber auch, um die Gruppe noch einmal auf eine überschaubarere Teilnehmerzahl reduzieren zu können. Es kam der Wunsch, zwei parallel laufende Trialog-Gruppen zu gründen, damit Interessierte sich wahlweise gezielt für eine entscheiden konnten. Gerade von der Gruppe der Fachleute wurde dieser Wunsch weiter begründet mit Bedenken darüber, wie schwierig es mit der eigenen Offenheit sein könnte, wenn die eigenen Klientinnen oder Klienten aus dem tagtäglichen Kontakt in der selben Gruppe Gesprächspartner wären.
Wir einigten uns auf einen Turnus von einem Treffen monatlich für jede Gruppe. Wenn es um Findung neuer Termine geht, wird deutlich, wie stark der Wunsch nach einer fortlaufenden Gruppe vorherrscht. Lange Pausen zwischen den Treffen gab es bislang nicht. Die thematischen Wünsche für die Inhalte der Abende wurden unter Beteiligung aller festgelegt, wobei die Ideen bisher unbegrenzt schienen. Beispiele für bereits besprochene und geplante Themen sind: Alltagsbewältigung (bezogen auf den gemeinsamen Alltag), Beziehungen, Nähe und Distanz, selbstverletzendes Verhalten.
Das Vorbereitungsteam der ersten Treffen konnte sich bald aus der Koordinatorenaufgabe zurückziehen und die Gruppe selbst trug die Verantwortung für die Gestaltung und den Ablauf der Treffen. Inzwischen gibt es ein einheitliches Raster für einen Gruppenabend:
Vorstellungsrunde, wenn neue Teilnehmerinnen oder Teilnehmer dabei sind
Eingangsfrage: steht dem heutigen Trialog etwas im Weg (Konflikte mit anderen Anwesenden, Reste vom letzten Treffen, die angesprochen werden müssen, wichtige Ereignisse, die benannt werden sollten, usw.)
Schwerpunktthema
Pause
Schlussrunde bei Bedarf
Weiteres Lernen aus den im Gespräch zusammen getragenen, reflektierten Erfahrungen wird hier vor allem ermöglicht durch ehrliche, spürbare Offenheit und eine akzeptierende Gesprächsatmosphäre. Eine steuernde Funktion dabei fällt dem Moderator zu. Er hat den Focus aufs Thema und greift ein, wenn es beispielsweise zu einem Stillstand oder gegenseitigen Beschimpfungen kommen sollte.
Die bisherigen Erfahrungen mit dem Borderline-Trialog zeigen, dass manchmal Kompromisse notwendig sind, um den Prozess überhaupt in Gang setzen zu können . So fanden die ersten Treffen aus organisatorischen Gründen jeweils auf nicht neutralem Raum statt, wie es der ursprünglichen Trialogidee entsprochen hätte; was sich aber auch nicht als Hindernis erwies. Beachtlich ist die enorme Gruppenkompetenz, die Vorbehalte überwindet und konstruktive Prozesse anregt und mitgestaltet! So war es beispielsweise in der Ansbacher Gruppe sehr schnell möglich, gemeinsame Lösungen für die Öffentlichkeitsarbeit zu finden, Gruppenregeln demokratisch fest zu legen, sich auf die Rahmenbedingungen zu einigen und die Gruppendynamik gemeinsam zu tragen und mit zu gestalten.
Möglicherweise ist es eine Utopie, die beschreibt, dass durch den Trialog gemeinsam gesellschaftlicher Stigmatisierung begegnet werden kann. Doch klar ist: jede Rolle für sich wird alleine unzulänglich bleiben und dar gebotene Möglichkeiten zur psychiatriepolitischen Veränderung liegen brach. „Selbst wenn der Trialog mit schwächerer Beteiligung weiterlaufen würde, dann ist damit noch mehr für diese Zielgruppe getan worden, als in den letzten 10 Jahren!“, so eine ermutigende Äußerung, wie wir finden, eines Mitarbeiters des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Nürnberg. Eine Betroffe schreibt: „Durch den Trialog bin ich etwas mutiger geworden, was für mich früher undenkbar gewesen wäre. Gut finde ich, dass der Trialog gleichberechtigt ist! [...] Ich traue mich jetzt mehr, Verantwortung zu übernehmen, da ich beim Trialog-Geschehen mit mache.“ In einem Radiointerview beschreibt Inge Brandenburg, als Mutter einer Betroffenen: „Mein Eindruck war, dass die Veranstaltung in Ansbach geholfen hat, die Berührungsängste mit Betroffenen und professionellen Helfern zu mindern oder gar zu beseitigen und auch Vorurteile abzubauen, die eine Kommunikation erschweren.“
[erschienen in: "Boderline-Störung - Wie mir die DBT geholfen hat"]